"Clementia" - Nachsicht und Milde ... mit dem Wunder Leben

Katharina Sigl


Jährlich an diesem Tag kommt mir die Frage in den Sinn die mir sehr häufig gestellt wird.


"Wie schaffst Du es immer wieder das Gute zu sehen ?"


Ich muss dazu sagen, dass auch ich nicht ständig in der Lebensfreude versinke und mir die Kraft genauso ausgeht und ich jeden Bezug zu Farben und zur Freude verliere. Niemand hat übermenschliche Fähigkeiten alle "unangenehmen" Emotionen auszuschalten oder nicht zumindest einmal an den Rand der Verzweiflung gedrängt worden zu sein. Abgesehen davon, dass dies meiner Meinung nach zweierlei bedeuten würde. Man hat nie "gelebt" oder man hat nie "geliebt". Und in dem Fall würde ich mich wohl zweifellos für den schwierigen aber "belebteren" Weg entscheiden ...


Den unbändigen Willen aus meinem Leben das Beste zu machen verdanke ich unter anderem zwei Menschen ganz besonders und dieser Wille setzt sich aus Vergangenheit und Zukunft zusammen. Meiner lieben Schwester Christina die heute ihren 44 Geburtstag gefeiert hätte und meinem wunderbaren Sohn Julius der sein 22. Lebensjahr lebt. Also aus dem Bewusstsein des "nicht ewig währens" und dem festen Glauben an die wertvolle Zukunft.


Wenn ein Mensch viel zu früh aus dem Leben gerissen wird stimmt mich das stets nachdenklich. Ganz besonders trifft es einen natürlich wenn dieser Mensch einem so nahe Stand und ein Teil des eigenen selbst war. Schon damals in meinem 11. Lebensjahr fühlte ich mich dazu fast "verpflichtet" mein Leben "FÜR" meine Schwester zu leben. Es erschien mir völlig unrealistisch ihr Licht und ihre Farben einfach erlöschen zu lassen. Es schien mir falsch und grausam. Ich verbrachte in dieser Zeit viele Stunden damit einfach nur in den Himmel zu starren allem Anschein nach um einen Antwort zu erhalten. Denn weshalb ich das tat wusste ich nicht. Aber ich war auf der Suche. Nach Zeichen und Antworten. Eines Tages kam mir der Gedanke, dass ich etwas hatte, was Christina nicht mehr hatte. Ein Leben. Es war ein schwieriges, verwirrendes und sehr schmerzvolles Leben zu dieser Zeit..aber es war Leben. Ich durfte atmen, ich durfte riechen, sehen, schmecken und fühlen.."er"leben.Das Mindeste was ich also für sie tun konnte war das Beste aus meine Leben zu machen. Denn das wäre genau dass, was Sie sich für mich gewünscht hätte.


Ich durfte an eine Zukunft denken die meiner lieben Schwester verwehrt geblieben ist. In der Gegenwart meiner Schwester hatte ich stets ein Gefühl der Ruhe, der Dankbarkeit und Geborgenheit. Und diese Dankbarkeit verspürte ich in diesem Moment auch als ich wieder so fragend zum Himmel blickte. Ich war dankbar sie in meinem Leben gehabt zu haben und in meinem Herzen auf ewig weitertragen zu dürfen. Ich war dankbar für all die Momente die ich erleben durfte. Ich hatte also vom Leben ein Geschenk erhalten. Dieses Geschenk war zwar mit einem tiefen Schmerz verbunden, dennoch versuchte ich meinen Gedanken und mein Empfinden so gut es ging auf die Dankbarkeit des Gewesenen auszurichten.


Ich durfte leben und ich gab meiner lieben Schwester tief in meinem Herzen das Versprechen das Beste daraus zu machen. Es zu pflegen und zu hegen und nichts für Selbstverständlich zu nehmen. Die "Kleinigkeiten" des Lebens als die größten Wunder der Welt zu sehen und mich an allem zu erfreuen was mir zur Verfügung steht. Auch an all den dunklen Momenten die in den darauf folgenden 20 Jahren meist die Überhand hatten. Aber er war dennoch immer da. Der Himmel ... an dem ich mich ausrichten konnte und in dem in all den Jahren haben viele viele Seelen ihren Platz "gefunden" haben die ich nun hier "ins Leben" weitertragen darf.


Das Leben und der Tod stehen in einer innigen Beziehung die sehr beängstigend sein kann. Dennoch ermöglicht uns genau diese Betrachtungsweise den tiefsten Blick auf und in das Leben selbst. Der Tod stellt Fragen. Er nähert sich schleichend unseren Gedanken in Momenten der Angst was die Frage in uns aufwirft, was wir im Leben nicht missen wollen und was wir denn am Leben lieben. In diesen letzten Wochen die nur so gepflastert waren von Schwierigkeiten, Ängsten und Schmerzen habe ich mich das immer wieder einmal gefragt.


Wir vergessen dies oft in unserer so schnelllebigen und "geduldslosen" Zeit. Gerade in Momenten des "absoluten Schmerzes" ob physisch oder psychisch neigen wir dazu einen wichtigsten Aspekt zu vergessen...


Clementia - Ein lateinisches Wort das für Nachsicht und Milde steht.


Das Leben ist menschlicher als wir denken und es macht "Fehler" wie wir. Es ist nicht perfekt aber einzigartig. Da ich selbst in meinem Leben schon oft am "Ufer des Überdrusses" stand, habe ich großes Verständnis für alle Menschen die den Sinn nicht mehr sehen und keine Freude mehr spüren. Ich möchte aber all diesen Seelen etwas mitgeben ...


Auch wenn wir denken, dass wir in unserem Leben keinen Sinn mehr sehen gibt es viele Herzen dessen Lebensfreude in unserer Existenz ruht. Je einsamer wir uns fühlen desto schwerer können wir dies erkennen. Ich habe ganz viele wunderbare Menschen in meinem Leben die mich tragen und begleiten und für deren Existenz ich unendlich dankbar bin!

Dennoch kenne auch ich diese Momente in welchen ich eine überwältigende Einsamkeit empfinde und den Zugang zu mir und dem Wert meines Lebens verliere. Dann besinne ich mich wieder auf dass, was mir gut tut so als würde ich von der Güte dieser Worte an der Hand genommen werden. Ich erinnere mich an die Nachsicht und Milde. Mir selbst, meinen Mitmenschen und dem Leben gegenüber.


Die Beziehung zum Leben ist wie die Beziehung zweier Menschen. Wir entscheiden uns jeden Tag aufs Neue "an deren Seite" zu verweilen. Wenn wir keine positiven Aspekte mehr sehen oder erkennen können in unserem "Gegenüber", dann kann es daran liegen, dass wir entweder den Bezug zu uns selbst oder zum anderen verloren haben. So ist es auch mit dem Leben.

Den Bezug zu sich selbst zu verlieren ist ein ganz trauriger und beunruhigender Zustand. Er wirft uns aus der Bahn und lässt uns alles in im "Nebel erstickten grau sehen". Doch wir können ihn wieder finden. Den Zugang zu uns selbst und den Nebel lichten.


Ich selbst habe das Leben immer wieder für mich entdeckt indem ich den Bezug zu dessen wahren Wert wieder hergestellt habe. Indem ich den Widerstand "gegen" das Leben so wie es halt ist aufgegeben und losgelassen habe. Denn oft führt einen der Widerstand gegen das Leben selbst in Richtung tiefster Verzweiflung und wirft alle Sinnfragen auf die tief in uns schlummern.


Vor kurzem durfte ich an einer Palliativ Tagung teilnehmen die mich wieder sehr nachdenklich gestimmt hat. Wo liegen die Grenzen des Lebens und was bedeutet für jeden einzelnen "Sinn". Der Sinn ist so individuell wie der Mensch selbst. Keine einzige Seele ist gleich.


Jedes Leben - ob kurz auf dieser Welt oder eine halbe "Ewigkeit" hat eine tiefen Sinn.

Ja, es gibt Ereignisse, in welchen man beim besten Willen keine Sinnhaftigkeit erkennen kann. Was mir jedoch immer sehr geholfen hat ist etwas aus dem Erlebten für mich "herauszuholen" und diese Momente als meine "Lernorte" zu betrachten. Etwas zu finden was ich gelernt habe, was mir das Leben wieder "näher gebracht" hat, was ich anders nie hätte finden können und vor allem zu erkennen, dass ich den Willen zu leben und das Beste draus zu machen nicht verloren habe. Jeder von uns braucht einen "Sinn" und ich bin der absoluten Überzeugung, dass jeder einzelne diesen Sinn hat. Nicht immer spüren wir ihn selbst und manchmal erscheint er uns auch als fraglich.


Wenn wir unserem Leben einen ganz persönlichen Sinn verleihen, den wir uns immer wieder ins Gedächtnis rufen, dann werden wir auch in den schwierigsten Momenten Halt finden. Nicht immer muss der Sinn darin liegen etwas zu "schaffen oder zu erreichen" ... jeder Mensch ist wertvoll auf seine Art und Weise für einen anderen Menschen einfach weil es ihn gibt.


Ich habe im Laufe meiner nun fast 7- jährigen Arbeit mit Betroffenen vor allem eines erkannt. Dass gesehen und geschätzt zu werden ein so tiefer Wunsch ist, dass viele in so übermächtigen Einsamkeit "ersticken" zu scheinen. Wir können nicht nur von der Selbstachtung unserer eigenen Lebens leben da ja das Leben ein "Nehmen und Geben" ist. Aber der Ursprung jeder Lebensfreude liegt dennoch in uns selbst. Wir dürfen uns auch selbst "geben" und klar machen was wir schon alles geschafft haben, wie weit wir gekommen sind und was uns trotz der oft schwierigen Lebensumstände noch möglich ist zu "er"leben.


Der Gedanke "Das Leben ist ein Geschenk" ... kann nicht immer und von allen so gesehen werden da die Individualität und die Umstände eines jeden Lebens einer Schneeflocke gleichen. Keine ist wie die andere. Wir alle finden in unterschiedlichen Dingen Freude und Kraft und das Beste was wir tun können ist uns auf die Suche danach zu begebendes was uns lebendig werden lässt und neue Momente zu gestalten. Denn kümmern wir uns gut um unsere Gegenwart gestalten wir damit eine gute Vergangenheit und einen bessere Zukunft.


Jeder Mensch der mit oder gegen einer chronischen Erkrankung "kämpft" hat ständig das Gefühl gegen den Wind zu segeln.

Deshalb ist es so wichtig diesem "Kampf" immer wieder entgegen zu steuern um die Kraft nicht zu verlieren und den Willen zu stärken.


Nachsicht und Milde sind wie die "Ruhe nach dem Sturm" und nur in der Stille und frei von Widerstand ist es uns möglich mit dem Leben Frieden zu schliessen und ihm dass zu schenken was wir uns doch selbst so sehr wünschen...ein bisschen Clementia.


Eure Katharina




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