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Ein Gedankentext aus meinem Vortrag "Die Vermessung von Schmerzen"


Wir „vermessen“ und bemessen viele Dinge im Leben ganz akribisch und genau. Wie breit und lang etwas sein muss, um in unsere Räumlichkeiten zu passen, wie groß oder klein die Kleidungstücke damit wir gut „reinpassen“ oder uns nicht darin „verlieren“, wieviel wir wovon in den Kochtopf oder den Teig geben damit alles gut schmeckt, niemand vom Tisch „wegläuft“ und der Einzige, der sitzenbleibt, der Kuchen ist. Wir Berechnen wieviel wir ausgeben können , damit nicht am Ende noch mehr Monat als Geld übrigbleibt, und so weiter und so fort…das Leben ist eine ständige Vermessung von Umständen und Möglichkeiten.

Wir versuchen eifrig unsere Möglichkeiten zu erweitern oder zu kalibrieren und zu modellieren. Es ist ein ständiges auf und ab. Ein zu viel oder zu wenig. Dennoch schaffen es viele von uns all diese Begebenheiten auf eine gewisse Art und Weise auszugleichen.

Die Möbel „zu adaptieren“, die Kleidung wieder „an-passungsfähiger“ zu machen, die Suppe zu „neutralisieren“ und aus dem „Sitzkuchen“ einfache eine neue Art Nachtisch zu kreieren.

Warum also dieses Prinzip nicht auf unser körperliches Befinden anwenden?

Unser Körper ist ebenso eine Art „Ausgangskonstrukt“. Wir haben „nur“ diesen. Es bleibt uns meist nichts anderes übrig, als diesen uns geschenkten Körper an die Umstände anzupassen beziehungsweise im besten Fall die Umstände  an unsere Basismöglichkeiten. Was schwierig, ja manchmal fast unmöglich ist für Menschen mit chronischen Schmerzen.

Wir müssen diesen Anpassungs-Prozess nicht nur einmal im Jahr, im Monat, in der Woche oder am Tag durchlaufen, sondern so gut wie in jedem Moment. Wir müssen unseren Werkzeugkoffer stets griffbereit haben da wir nie wissen, wann der nächste Umstand uns dazu zwingt zu handeln. Wann wir wieder etwas anpassen, kalibrieren und an unsere Möglichkeiten anpassen müssen. Wir wissen nie, wann dieser Moment kommt, in welchem wir einmal eine „Pause“ einlegen können. Geschweige denn, ob unser Handeln Sinn macht, was uns weiterbringt oder vielleicht sogar schadet.

 

Wir leben in einem ständigen Alarmzustand. Wären diese Momente nur ab und zu, so könnten wir zwischendurch mal loslassen und uns auf „das er-Leben“ konzentrieren. Hat man es aber mit chronischen Schmerzen zu tun, dann ist das wie Kartenhaus bauen. Ein darauf hoffen, dass niemand oder etwas unerwartet durch die „Türe“ kommt und alles, was wir mit angehaltenem Atem, ganz vorsichtig und mit größter Hoffnung aufeinandergesetzt haben, wieder in sich zusammenfällt. So wie ein Schmetterling dessen Staub man von den Flügeln „gewischt“ hat.

 

Deshalb ist die Kraftintegration so wichtig und hat für mich einen ausgesprochen großen Stellenwert im Leben erlangt.

 

Wer chronische Schmerzen hat, beginnt den Tag so gut wie nie mit 100%, wenn dies überhaupt erreicht, werden kann. Meistens sinken der Energie- und Kraftpegel bereits, nachdem man den Körper von der Horizontalen in die Vertikale gebracht hat, schlagartig auf 70% oder gar 50%. Im schlimmsten Fall rasselt jede Form von Antrieb gänzlich in den Keller. Dann muss man sich wie an einer Strickleiter, die an einem Helikopter gebunden ist, wieder halbwegs in die Höhe ziehen „gegen den Wind“. Arm für Arm. Bein für Bein. Mit einer tiefsitzenden Unsicherheit, die einem manchmal das Gefühl gibt, dass man gar nicht mehr weiß, wo man ansetzen soll. Denn alles scheint sich ständig zu verdrehen und verknoten.

 

Deshalb ist es so wichtig unsere Kraftquellen zu „er“kennen, zu stärken, zu nähern und ganz besonders zu „be“schützen. Denn die Kraft ist es, die uns aufrecht und lebendig hält. Damit meine ich nicht, dass man alles mit erhobenem Haupt und rausgestreckter Brust ertragen muss, um sich dann heimlich in den Schlaf zu weinen. So, dass niemand in unserem näheren Umfeld etwas mitbekommt. Ich meine damit, dass wir den Schmerzen und unserem Körper eine Hand reichen. Dass wir uns auf, dass konzentrieren, was in unserer Macht steht zu tun und zu verbessern.  Wir können unsere Umstände oft nicht direkt beeinflussen. Wir können aber lenken, wie wir darüber denken. Unsere Gedanken, unsere Handlungen und vor allem wie wir mit dem Widerstand umgehen, der uns am meisten Kraft kostet. Es ist ein wahrlicher Balance Akt.

 

Zwischen dem Annehmen und der Hoffnung ist unser Spielraum, in welchem wir uns am besten so bewegen, dass wir niemals zu sehr von einer Seite zur anderen geschleudert werden wie ein Pink Ping Ball.

 

 

Ich habe in einem Interview mit einem Arzt den Satz gehört, dass „…man leben sollte wie ein großer breiter Fluss.“ Das wünschen wir uns wohl alle und ich denke, dass es dennoch nur ganz wenige Menschen auf dieser Erde gibt, die ruhig dahinfließen können inmitten all dem, was einem das Leben oft in den Weg „wirft“. Ich bin dennoch davon überzeugt, dass wir eine gewisse Ruhe dahingehend entwickeln können, indem wir lernen mit den reißenden Strömen umzugehen, und so dich immer wieder in einen ruhigen Verlauf zurückfinden. Symbolisch stehen diese reißenden Ströme für alles, was die Schmerzen triggert. Wir können deren Präsenz nicht immer beeinflussen, aber deren Intensität ein wenig kalibrieren. Dies kann uns gelingen, indem wir unsere inneren und äußeren wunden „Punkte“ schützen, sowie unsere Wünsche und Bedürfnisse erforschen und unsere „Antriebs-Bremsen“ kennen. Dann haben wir die Möglichkeit unsere eignen Werkzeuge zu entwickeln. Es ist dieses gute Gefühl, das wir so fähig sind, uns selbst zu helfen und immer geschickter darin werden zu handeln, bevor überhaupt Handlungsbedarf besteht. Denn so erspüren wir rechtzeitig was uns guttut und was wir brauchen.

 

Da wir „nur“ Menschen sind und wir alle immer wieder einmal über die Stränge der Kraft schlagen oder Warnzeichen nicht „sehen“ beziehungsweise sehen wollen, tut es der Seele unendlich gut zu wissen, dass uns die Hilfe nie ausgehen wird. Weil wir gelernt haben uns auch selbst zu helfen. So sehr wir uns auch manchmal wünschen aus „unsere Haut“ zu fahren, sind wir dann doch froh, dass wir unser „Selbst“ stets bei uns tragen. Denn nur wir selbst wissen am besten, was wir brauchen.

Wir dürfen uns immer etwas Gutes tun und nach unseren Kraftquellen greifen.

 

Es gibt einen wunderbaren Satz von Rainer Maria Rilke der mich stets begleitet hat. „Was abfallen muss fällt ab. Was zu uns gehört, bleibt bei uns…“

Es wird immer Menschen geben, die mit unserer neuen Ausrichtung an unseren Bedürfnissen nicht so gut zurechtkommen. Daran sollten wir uns nicht Stoßen. Denn wir wollen ja ganz viel von dem, was uns guttut und ganz wenig von dem, was und davon abhält unsere eigenen Werkzeuge zu entwickeln und wieder zu unserer Kraft und der Gesundheit in uns finden. Wir brauchen Menschen, die uns guttun, jene die uns die Hand reichen und uns dabei behilflich sind unseren Koffer zu basteln. Diese Menschen sind dankbar dafür, dass sie uns dabei begleiten dürfen und uns anfeuern können nicht aufzugeben. Diese Menschen helfen uns dabei weiterzumachen, um gemeinsam jeden Moment zu feiern in welchem wir uns immer mehr finden und kraftvoll mit unseren Stärken und Schwächen durch das Leben gehen. Jene Menschen, die uns freudvoll nachsehen, wenn wir unsere ganze Kraft entfalten und in neu entdeckte Höhen gleiten und dem entgegenfliegen, was uns allen naturgemäß zusteht. Unsere eigene Lebensgeschichte zu schreiben.

 

 

von Katharina Sigl 2026©  www.daisy-day.com

 

 
 
 

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